Was ist eine Lungenüberdehnungsverletzung beim Tauchen?

Eine Lungenüberdehnungsverletzung entsteht, wenn sich die Atemluft beim Auftauchen ausdehnt und nicht abgeatmet wird. Sie kann bereits in geringer Tiefe auftreten und zu arterieller Gasembolie, Pneumothorax oder Mediastinalemphysem führen.

Diese Inhalte ersetzen keine ärztliche Diagnostik oder tauchmedizinische Ausbildung. Bei Verdacht auf einen Tauchnotfall gilt: Tauchgang beenden, Notruf absetzen, Sauerstoff verabreichen, Betroffenen überwachen und tauchmedizinische Beratung einholen.

Notfall-Schnellablauf Tauchnotfall

  1. 1
    Tauchgang beenden: Betroffenen aus dem Wasser holen, Tauchgang sofort abbrechen.
  2. 2
    Notruf absetzen: 112 anrufen – Verdacht auf Tauchunfall melden, Druckkammerberatung anfordern.
  3. 3
    100 % Sauerstoff: Sauerstoffgabe als Erste Hilfe nach Leitlage, sofern verfügbar und eingewiesen.
  4. 4
    Betroffenen überwachen: Atmung, Bewusstsein und Vitalzeichen kontinuierlich kontrollieren.
  5. 5
    Tauchmedizinische Beratung: DAN/Taucherarzt über Rettungsleitstelle hinzuziehen.

Definition

Eine Lungenüberdehnungsverletzung (pulmonales Barotrauma) entsteht, wenn sich die Atemluft in der Lunge beim Auftauchen ausdehnt und nicht oder nicht ausreichend abgeatmet wird. Der steigende Innendruck übersteigt die Belastbarkeit des Lungengewebes, sodass Alveolen und umgebende Strukturen einreißen können. Die Folge ist ein Übertritt von Gas in Gewebe, Blutbahn oder Brusthöhle – mit möglicher arterieller Gasembolie, Pneumothorax oder Mediastinalemphysem.

Pathophysiologie nach Druckabfall beim Aufstieg

Beim Auftauchen sinkt der Umgebungsdruck. Nach dem Boyle-Mariotte-Gesetz dehnt sich das Gasvolumen in der Lunge umgekehrt proportional zum Druck aus. Wird die Ausdehnung nicht durch Ausatmen kompensiert, steigt der Druck in der Lunge über den Umgebungsdruck. Die Differenz zwischen Lungeninnendruck und Umgebungsdruck wird als transpulmonaler Druckgradient bezeichnet. Überschreitet dieser die Reißfestigkeit des Lungengewebes, kommt es zur Überdehnungsverletzung.

Boyle-Mariotte-Zusammenhang

Das Boyle-Mariotte-Gesetz besagt: Bei konstanter Temperatur sind Druck und Volumen eines Gases umgekehrt proportional. Ein Gasvolumen, das in 10 m Tiefe (2 bar) 5 Liter beträgt, dehnt sich beim Auftauchen an die Oberfläche (1 bar) auf 10 Liter aus. Die größte prozentuale Volumenzunahme findet dabei in Oberflächennähe statt – von 10 m auf die Oberfläche verdoppelt sich das Volumen, von 40 m auf 30 m ändert es sich nur um ein Sechstel. Deshalb kann eine Lungenüberdehnungsverletzung bereits nach einer geringen Tiefenänderung in Oberflächennähe entstehen.

Ursachen einer Lungenüberdehnungsverletzung

Luftanhalten beim Aufstieg

Bewusstes oder unbewusstes Anhalten der Atmung beim Auftauchen – die häufigste Ursache, besonders bei Panik oder unkontrolliertem Notaufstieg.

Zu schneller Aufstieg

Ein Aufstieg, der schneller erfolgt, als die expandierende Luft abgeatmet werden kann – auch ohne bewusstes Luftanhalten.

Atemwegsobstruktion

Verlegte Atemwege durch Fremdkörper, Sekret oder Verschluss des Atemreglers verhindern das Abatmen der expandierenden Luft.

Asthma oder Air Trapping

Obstruktive Atemwegserkrankungen mit Air Trapping können den Abstrom der Luft behindern, auch wenn der Tauchende ausatmet.

Technische Störung

Defekte Atemregler, Versagen des Überdruckventils oder andere technische Probleme können zu einem unkontrollierten Luftstrom führen.

Panik

Panik führt zu unkontrolliertem Atmen oder Luftanhalten und ist eine der häufigsten begleitenden Ursachen.

Mögliche Folgen der Lungenüberdehnungsverletzung

Arterielle Gasembolie

AGE

Gasblasen gelangen über verletzte Alveolen und Lungenvenen in den arteriellen Blutkreislauf und können Gehirngefäße verlegen. Neurologische Ausfälle meist unmittelbar nach dem Auftauchen.

Pneumothorax

Lufteintritt in Pleuraspalt

Luft tritt zwischen Lunge und Brustfell ein, die Lunge kann teilweise oder vollständig kollabieren. Einseitiger Brustschmerz und Atemnot sind typisch.

Mediastinalemphysem

Luft im Mittelfellraum

Luft wandert entlang der Bronchien in das Mediastinum und kann bis in Hals und Unterhaut aufsteigen. Retrosternaler Schmerz und Stimmveränderung sind möglich.

Subkutanes Emphysem

Luft unter der Haut

Luft sammelt sich unter der Haut von Hals, Brust oder Gesicht. Tastbare Knisterung und sichtbare Schwellung können auftreten.

Symptome

Plötzliche Brustschmerzen

Plötzlicher, stechender oder drückender Schmerz in der Brust, oft unmittelbar nach dem Auftauchen.

Atemnot

Akute Kurzatmigkeit, erschwerter Atemzug, Gefühl der Luftnot.

Husten

Trockener oder blutiger Husten, Hämoptyse möglich bei Lungenverletzung.

Neurologische Ausfälle

Lähmung, Taubheit, Sprachstörung, Sehstörung – Verdacht auf arterielle Gasembolie.

Bewusstseinsstörung

Verwirrtheit, Benommenheit oder Bewusstlosigkeit unmittelbar nach dem Auftauchen.

Hautemphysem

Knisternde Schwellung an Hals, Brust oder Gesicht – tastbar unter der Haut.

Stimmveränderung

Heiserkeit oder veränderte Stimme durch Luft im Hals- und Mediastinalbereich.

Zeitlicher Zusammenhang mit dem Auftauchen

Eine Lungenüberdehnungsverletzung tritt typischerweise während des Aufstiegs oder unmittelbar nach dem Auftauchen auf – oft innerhalb der ersten Minuten. Neurologische Symptome einer arteriellen Gasembolie können schon an der Wasseroberfläche bestehen. Dies unterscheidet die AGE von der Dekompressionskrankheit, die sich auch verzögert entwickeln kann. Jede neurologische Auffälligkeit direkt nach dem Auftauchen ist bis zum Beweis des Gegenteils als arterielle Gasembolie zu werten.

Abgrenzung zu anderen Tauchnotfällen

KrankheitsbildAbgrenzung
DekompressionskrankheitEntsteht durch Gasblasen aus gelöstem Stickstoff, meist verzögert nach dem Tauchgang, typischerweise Gelenkschmerzen oder neurologische Symptome – nicht unmittelbar beim Auftauchen.
ImmersionslungenödemFlüssigkeitseintritt in die Lunge ohne primäres Barotrauma, oft bei kardialer Vorerkrankung, kein direkter Zusammenhang mit dem Aufstieg.
AspirationEinatmen von Wasser oder Fremdmaterial, kann mit Ertrinken einhergehen, nicht durch Gasexpansion bedingt.

In der Praxis können sich Krankheitsbilder überlappen. Eine genaue Diagnose ist Aufgabe des Rettungsdienstes und der Taucherarztes.

Erstmaßnahmen

  1. 1

    Notruf 112

    Sofort den Rettungsdienst rufen, Verdacht auf Lungenüberdehnungsverletzung oder arterielle Gasembolie melden.

  2. 2

    100 % Sauerstoff

    Hoch dosierter medizinischer Sauerstoff durch entsprechend ausgebildetes und eingewiesenes Personal – die wichtigste Erste-Hilfe-Maßnahme.

  3. 3

    Reanimation bei Bedarf

    Bei Atemstillstand oder Kreislaufstillstand sofort mit der Herzdruckmassage beginnen, AED verwenden, wenn verfügbar.

  4. 4

    Wärmeerhalt

    Betroffenen vor Auskühlung schützen, nasse Kleidung entfernen, Rettungsdecke verwenden.

  5. 5

    Keine erneute Druckexposition

    Auf keinen Fall erneut tauchen – auch nicht, um Symptome zu lindern. Eine erneute Druckexposition ist nur nach fachärztlicher Entscheidung zulässig.

  6. 6

    Tauchmedizinische Beratung

    Frühzeitig tauchmedizinische Beratung über die Rettungsleitstelle anfordern (DAN, Taucherarzt).

Keine invasive Maßnahme durch Ersthelfende

Ersthelfende führen keine invasiven Maßnahmen durch. Eine Thoraxpunktion, Intubation oder andere invasive Eingriffe sind ausschließlich entsprechend qualifiziertem Rettungsdienstfach- oder ärztlichem Personal im zulässigen Handlungsrahmen vorbehalten. Die Aufgabe der Ersthelfenden ist Notruf, Sauerstoffgabe, Überwachung, Wärmeerhalt und Reanimation nach Standard.

  • Keine Thoraxpunktion durch Ersthelfende.
  • Keine Intubation oder invasive Atemwegssicherung durch Ersthelfende.
  • Sauerstoffgabe nur mit geeignetem System und entsprechender Einweisung.

Sicherheitshinweis Sauerstoff und Beatmungsbeutel

Medizinischer Sauerstoff und Beatmungsbeutel gehören nicht in die Hände ungeschulter Personen. Ihre sichere Anwendung setzt eine passende Ausbildung, praktische Einweisung in das konkrete System und regelmäßige Wiederholungstrainings voraus. Als fachliche Mindestanforderung dieser Seite wird ein praktisches Training mindestens einmal jährlich empfohlen. Beatmungsbeutel sollten möglichst als Zwei-Helfer-Technik angewendet werden. Die Einhand-Maskenbeatmung ist keine einfache Laienmaßnahme. Sauerstoffgabe ersetzt weder Notruf noch Reanimation oder professionelle Versorgung.

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Quellen und weiterführende Informationen

Kurse und Einweisungen auf Anfrage

Kurse und Einweisungen zu Sauerstoffgabe, AED, Erste Hilfe und Notfallmanagement bei Tauchnotfällen sind auf Anfrage bei Erste Hilfe Guide möglich.

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