Erste Hilfe bei X-ABCDE-Schema - Systematische Notfallbeurteilung

Das X-ABCDE-Schema ist der aktuelle internationale Standard für die systematische Beurteilung von Notfallpatienten - für Ersthelfer und Rettungsdienst.

Das X-ABCDE-Schema ist die Basis der modernen Notfallversorgung. Es wird von Rettungsdiensten, Notärzten und Ersthelfern weltweit angewendet. Das vorangestellte X steht für die kritische Blutungskontrolle (eXsanguinating hemorrhage), die bei lebensbedrohlichen Blutungen noch vor der Atemwegssicherung erfolgen muss.

X-ABCDE steht für: X (kritische Blutung), A (Airway - Atemwege), B (Breathing - Belüftung), C (Circulation - Kreislauf), D (Disability - Neurologie), E (Exposure - Erweiterte Untersuchung). Dieses Schema stellt sicher, dass keine lebensrettende Maßnahme übersehen wird.

X-ABCDE als internationaler Standard

Das erweiterte X-ABCDE-Schema basiert auf dem klassischen ABCDE-Ansatz des American College of Surgeons (ATLS) und wurde durch PHTLS, ITLS und die European Resuscitation Council (ERC) Guidelines 2025 aktualisiert. Die Ergänzung um das X (eXsanguinating hemorrhage - kritische Blutung) trägt der Erkenntnis Rechnung, dass massive äußere Blutungen noch vor der Atemwegssicherung behandelt werden müssen, da der Patient sonst innerhalb von Minuten verblutet.

Wichtig: Das Schema wird sowohl von Ersthelfern als auch vom Rettungsdienst angewendet - jedoch mit unterschiedlichem Umfang der Maßnahmen. Ersthelfer konzentrieren sich auf Basismaßnahmen, der Rettungsdienst auf erweiterte Versorgung.

Das X-ABCDE-Schema im Detail

1

X - eXsanguinating hemorrhage (kritische Blutung)

Liegt eine massive, lebensbedrohliche äußere Blutung vor? Wenn ja: sofort stoppen! Ersthelfer: direkter Druck, Druckverband, ggf. Tourniquet (ab 2025 auch in der Ersten Hilfe empfohlen). Rettungsdienst: Tourniquet, Wundtamponade, hämostyptische Mittel.

2

A - Airway (Atemwege)

Sind die Atemwege frei? Ersthelfer: Kopf überstrecken, Kinn anheben, Mund-Rachenraum nur bei begründetem Verdacht inspizieren (z. B. Vorfall in Kantine, sichtbarer Fremdkörper). Rettungsdienst: Absaugung, Guedel-/Wendl-Tubus, Laryngoskopie, Intubation.

3

B - Breathing (Belüftung)

Wird der Patient ausreichend belüftet? Ersthelfer: Sehen (hebt sich der Brustkorb?), Hören (Atemgeräusche?), Fühlen (Luftstrom an Wange?). Maximal 10 Sekunden prüfen. Bei fehlender Belüftung: sofort CPR beginnen. Rettungsdienst: Atemfrequenz messen, SpO2, Auskultation, Beatmung mit Beutel-Maske, Sauerstoffgabe.

4

C - Circulation (Kreislauf)

Ersthelfer: Auf Schockzeichen achten (blasse/kalte Haut, Verwirrtheit, schnelle Atmung). Blutungen stillen. Schocklage bei Bedarf. KEIN Puls fühlen in der Ersten Hilfe - das ist seit den ERC/GRC-Leitlinien 2025 keine Ersthelfer-Maßnahme mehr. Rettungsdienst: Puls tasten, Blutdruck messen, Rekapillarisierungszeit, i.v.-Zugang, Volumentherapie.

5

D - Disability (Neurologie)

Ersthelfer: Bewusstseinslage prüfen - Ist die Person wach? Reagiert sie auf Ansprache? AVPU-Schema anwenden. Pupillen auf Seitenungleichheit prüfen. Rettungsdienst: Glasgow Coma Scale (GCS), Pupillomotorik, Blutzucker messen, neurologischer Status.

6

E - Exposure (Erweiterte Untersuchung)

Ersthelfer: Sichtbare Verletzungen suchen, Wärmeerhalt mit Rettungsdecke. Rettungsdienst: Komplette Ganzkörperuntersuchung, Temperaturmessung, Umgebungsanamnese (Medikamente, Unfallhergang).

Wichtige Grundsätze

Das X-ABCDE-Schema folgt einer klaren Priorisierung: Kritische Blutung > Atemwege > Belüftung > Kreislauf > Neurologie > Untersuchung. Jedes Problem wird sofort behandelt, bevor zum nächsten Schritt übergegangen wird.

  • Die größte Bedrohung wird zuerst behandelt - eine spritzende Blutung hat Vorrang vor allem anderen
  • Nach jeder Maßnahme und bei Verschlechterung das Schema erneut von X beginnen
  • Der Notruf 112 sollte so früh wie möglich abgesetzt werden - idealerweise durch eine zweite Person während der Ersthelfer versorgt
  • Vor dem X-ABCDE steht immer die Eigensicherung - niemals selbst in Gefahr begeben

Häufige Fehler

Puls fühlen als Ersthelfer: Laien können den Puls nicht zuverlässig tasten. Die Entscheidung zur CPR basiert ausschließlich auf fehlender normaler Atmung.

Mund-Rachenraum routinemäßig inspizieren: In der Ersten Hilfe nur bei begründetem Verdacht (sichtbarer Fremdkörper, Vorfall beim Essen). Im Rettungsdienst hingegen obligat.

Massive Blutung ignorieren und zuerst Atemwege prüfen: Das X steht bewusst vor dem A - bei sichtbarer Massenblutung sofort stoppen.

Nach der Erstbeurteilung nicht erneut prüfen: Der Zustand kann sich jederzeit ändern. Regelmäßiges Reassessment ist entscheidend.

Wärmeerhalt vergessen: Jeder Notfallpatient droht auszukühlen. Rettungsdecke oder Decke verwenden.

Ersthelfer vs. Rettungsdienst - Vergleich

MaßnahmeErsthelferRettungsdienst
X - Direkter Druck auf Wunde
X - Druckverband anlegen
X - Tourniquet anlegen (TECC/PHTLS 2025)
X - Wundpackung / Wound Packing
X - Hämostyptika (z. B. Celox, QuikClot)
X - Beckenschlinge anlegen
X - Junctional Tourniquet (Leiste/Achsel)
A - Kopf überstrecken / Kinn anheben
A - Stabile Seitenlage (bei Bewusstlosigkeit + Atmung)
A - Mund-Rachenraum inspizieren (nur bei Verdacht)
A - Mund-Rachenraum inspizieren (obligat bei jedem Patienten)
A - Sichtbaren Fremdkörper digital entfernen
A - Absaugung (manuell/elektrisch)
A - Guedel-Tubus / Wendl-Tubus einlegen
A - Larynxtubus / Larynxmaske (SGA)
A - Endotracheale Intubation
A - Chirurgischer Atemweg (Koniotomie)
A - Esmarch-Handgriff
B - Sehen, Hören, Fühlen (max. 10 Sek.)
B - Atemspende / Mund-zu-Mund / Mund-zu-Nase
B - Beatmungstuch / Pocket Mask verwenden
B - Beutel-Maske-Beatmung (BVM)
B - Sauerstoffgabe (Maske/Brille)
B - SpO2-Messung (Pulsoxymetrie)
B - Kapnographie (etCO2)
B - Thoraxdekompression (Spannungspneumothorax)
B - Thoraxdrainage
B - Atemfrequenz zählen
C - Schockzeichen erkennen (blasse/kalte Haut, Verwirrtheit)
C - Blutungen stillen (Druck, Hochlagerung)
C - Schocklage / Beine hochlagern
C - Wärmeerhalt bei Schock
C - Puls tasten (Karotis/Radialis)
C - Blutdruckmessung
C - Rekapillarisierungszeit prüfen
C - Intravenöser Zugang (i.v.)
C - Intraossärer Zugang (i.o.)
C - Volumentherapie / Infusion
C - Katecholamine / Vasopressoren
C - 12-Kanal-EKG
D - Bewusstseinsprüfung (Ansprechen, Anfassen)
D - AVPU-Schema anwenden
D - Pupillenkontrolle (Seitengleichheit, Lichtreaktion)
D - Glasgow Coma Scale (GCS) erheben
D - Blutzuckermessung
D - Neurologischer Schnellstatus (Motorik/Sensorik)
D - Sedierung / Narkose
E - Sichtbare Verletzungen erkennen
E - Wärmeerhalt (Rettungsdecke/Decke)
E - Ganzkörperuntersuchung (Head-to-Toe)
E - Temperaturmessung
E - Bodycheck auf verdeckte Blutungen
E - Medikamentenanamnese / Allergien erfragen
E - SAMPLE-Anamnese erheben
CPR - Herzdruckmassage 30:2
CPR - Nur-Kompression (Hands-Only CPR)
CPR - AED-Anwendung
CPR - Medikamentengabe (Adrenalin alle 3-5 min)
CPR - Erweiterte Atemwegssicherung während CPR
CPR - Mechanische Reanimationshilfe (LUCAS/AutoPulse)
CPR - Amiodaron bei schockrefraktärem VF/pVT
CPR - Ursachensuche reversible Ursachen (4H/4T)
Notruf 112 absetzen
Unfallstelle absichern
Psychische Betreuung / Beruhigen
Übergabe an Rettungsdienst (Lage schildern)
HWS-Immobilisation (manuell in-line)
Immobilisation (Vakuummatratze/Schaufeltrage)
Schmerztherapie / Analgesie
Wundversorgung mit sterilem Material
Verbrennungswunde kühlen (max. 10 min, lauwarmes Wasser)
Knochenbruch ruhigstellen (Polsterung, nicht bewegen)
Fremdkörper im Körper belassen (nicht entfernen)
Heimlich-Handgriff / Rückenschläge bei Verschlucken

Häufig gestellte Fragen

Verwandte Themen

Quellen und wissenschaftliche Grundlagen

  • European Resuscitation Council (ERC) Guidelines 2025 - https://www.erc.edu/guidelines-2025
  • German Resuscitation Council (GRC) Leitlinien 2025 - https://www.grc-org.de/wissenschaft/leitlinien
  • PHTLS - Prehospital Trauma Life Support, 10. Auflage 2025
  • ITLS - International Trauma Life Support 2025
  • ILCOR CoSTR 2025 - https://www.ilcor.org/costr
  • American Heart Association (AHA) Guidelines 2025 - https://www.heart.org
  • AMLS - Advanced Medical Life Support, 3. Auflage 2025
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